R E T R A U M A T I S I E R U N G
Auslöser, Verlauf und Symptomatik chronisch reaktiver Traumafolgen

In diesem Forschungsprojekt wird der Einfluss erneuter als traumatisch erlebte Ereignisse auf die bestehende Symptomatik untersucht. Hierzu gehören die Identifikation und Differenzierung möglicher potentieller Auslöser. Retraumatisierung soll nach Schweregrad und Dauer der Symptomatik klassifiziert werden, mit dem Ziel einer einheitlichen Verwendung des Begriffs Retraumatisierung.

Hintergrund

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine häufig auftretende psychische Erkrankung nach traumatischen Ereignissen. Um Verschlechterungen der PTBS zu beschreiben, die im Zusammenhang mit erneuten, traumatisch erlebten Situationen stehen, wird der Begriff der Retraumatisierung verwendet.

Der Begriff Retraumatisierung wird im juristischen wie auch im aufenthaltsrechtlichen und therapeutischen Bereich inflationär benutzt. Dennoch gibt es bisher keine einheitlich verwendete Definition. Sowohl bei leichten oder vorübergehenden, als auch bei schweren oder anhaltenden Verschlechterungen der PTBS wird der Ausdruck angewendet. Zudem sind auslösende Situationen (retraumatisierende Ereignisse) bisher nicht einheitlich identifiziert bzw. definiert worden.

Flüchtlinge sind insbesondere betroffen von möglichen Retraumatisierungen. Sie sind aufgrund eines erhöhten Risikos des Erlebens lebensbedrohlicher Ereignisse wie Kriege, Misshandlungen und Folter eine besonders vulnerable Gruppe zur Entwicklung einer physischen Krankheit oder psychischen Störung. Die PTBS ist eine häufig auftretende psychische Störung nach solchen traumatischen Erfahrungen. Die Lebenszeitprävalenz der PTBS unter Flüchtlingen, d. h. die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens an einer PTBS zu erkranken, wird mit 17 – 65 % angegeben. Stressfaktoren nach Migration, sog.Postmigrationsfaktoren, und erneute traumatische Ereignisse nach der Flucht beeinträchtigen einen Erholungs-, Verarbeitungs- und Kompensationsprozess. Vor allem der unsichere Aufenthalt und in diesem Zusammenhang gerichtliche und aufenthaltsrechtliche Begutachtungen, in denen die Flüchtlinge ihre Verfolgungsgeschichte offen legen müssen, können zu einer Verschlechterung der Symptome und der PTBS-Symptomatik führen.

Studie

Aufgrund der Komplexität des Begriffs "Retraumatisierung" sind mehrere Einzelstudien geplant. Kern des Forschungsprojekts ist eine prospektive Längsschnittstudie bei traumatisierten Kriegs- und Folterüberlebenden im Zentrum ÜBERLEBEN (vormals bzfo). Darin wird im Abstand von 6 Monaten u. a. die posttraumatische Belastungssymptomatik bei Patientinnen und Patienten erhoben. Zusätzlich wird eine Liste mit möglichen retraumatisierenden „Life-events“ abgefragt um ggf. zeitnah dazu u. a. die PTBS-Symptomatik zu erfassen.
In einer angegliederten Studie wird die Auswirkung einer Befragung vor dem Bundesamt oder Gerichtsverhandlung vor dem Verwaltungsgericht auf die Symptomatik untersucht.

Ziele

Ziele des Forschungsprojekts sind neben der Identifikation und Differenzierung möglicher retraumatisierender Auslösefaktoren, die Einteilung des ausgelösten traumatischen Prozesses nach Schweregrad und Dauer der Symptomatik. Berücksichtigt werden soll insbesondere der Einsatz des Begriffs im Zusammenhang mit der klinischen Begutachtung in ausländerrechtlichen Fragen.

Kooperationspartner

Freie Universität Berlin
KU Eichstätt-Ingolstadt

Ansprechpartner

Dipl. Psych. Katrin Schock
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Tel. 030-303906-32